„Nach der Tarifrunde ist vor der Tarifrunde“ – Arbeitskampffähigkeit im Handel ausbauen

Mobilisierungskampagne · Einzel- und Großhandel · 2006-2011 · NRW · ver.di FB12 NRW

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Die Kampagne „Tarifverträge nützen – Tarifverträge schützen“ fand von 2006 bis 2011 im Fachbereich Handel in Nordrhein-Westfalen statt. Sie umfasste insgesamt drei Tarifrunden. Die Devise lautete: „Nach der Tarifrunde ist vor der Tarifrunde“. Ziel war eine qualifizierte und langfristige Vorbereitung der Belegschaften entsprechend der Zielsetzung der Mobilisierungskampagne (Moka) „Handlungs-, Aktions- und Streikfähigkeit vor oder parallel zu einer Tarifrunde“ aufzubauen. Während der Moka wurden mehrere Druckkampagnen sowie diverse Qualifikationen von Haupt- und Ehrenamtlichen zum Thema Organizing durchgeführt.

Die Ausgangssituation: Wie gewinnen wir mehr tarifpolitische Handlungsfähigkeit?

Das Potential mit Streiks im Handel Druck aufzubauen stellt zunehmend eine besondere Herausforderung dar. Die Tarifbindung geht im Groß- und Außenhandel ebenso wie im Einzelhandel seit Jahren spürbar zurück. Der Einsatz von LeiharbeitnehmerInnen macht Arbeitskämpfe zunehmend schwieriger. Flexible Arbeitszeiten und wechselnde Personalstrukturen reduzieren die gemeinsamen Zeiten im Betrieb, Belegschaften erleben sich immer weniger als Kollektiv. Vermehrte Insolvenzen etwa im Kaufhausbereich, die zunehmende Konkurrenz zwischen tarifgebundenen und nicht tarifgebundenen Unternehmen schüren die Angst vor Arbeitsplatzverlust.

In dieser Situation entschied sich ver.di Handel NRW für eine Mobilisierungskampagne. Die Kampagne hatte folgende Zielsetzungen:

  • Den Aufbau und die Weiterentwicklung gewerkschaftlicher Strukturen im Betrieb als Voraussetzung für eine aktive Tarifrunde,
  • gezielte Ansprache und Aktivierung von Mitgliedern,
  • die Gewinnung neuer Mitglieder,
  • das Halten vorhandener sowie die Entwicklung neuer Streikbetriebe,
  • die Erprobung neuer Aktionsformen,
  • den Aufbau einer gemeinsamen Identität: „Wir im ver.di Handel NRW“,
  • die Entwicklung von Formen praktischer Solidarität mit Betrieben in der Krise,
  • die Entwicklung eines gemeinsamen Erfahrungs- und Lernzusammenhangs durch landesweite und zeitgleiche Aktionsangebote sowie,
  • die Überwindung von Angst und Blockaden durch gemeinsame gewerkschaftliche Aktionen.
Die Kampagne: Zentrale Steuerung mit bunten Aktionen vor Ort

Auf Landesebene wurde als zentrale Steuerung ein Kampagnenrat eingerichtet. Federführend leiteten ihn Hauptamtliche des Landesfachbereichs begleitet von ORKA-MitarbeiterInnen. Seine Mitglieder setzen sich zur Hälfte aus hauptamtlichen und zur anderen Hälfte aus ehrenamtlichen KollegInnen aus den Bezirken zusammen.
In monatlichen Treffen wurden Aktionen vorbereitet und entsprechende Materialien zur Verfügung gestellt, die in den Betrieben unmittelbar eingesetzt werden konnten. Eingebunden waren die Aktionen in Aktionswochen oder in Monats-Themen. Jede Woche beziehungsweise jeder Monat stand unter einem besonderen, betrieblich „heißen“ Thema. Gewählt wurden hierfür vor allem emotionale Themen wie Respekt, Gesundheit, prekäre Beschäftigungsverhältnisse oder familienfreundliche Arbeitszeiten. Damit sollte eine inhaltliche Sensibilisierung und Politisierung der Beschäftigten erreicht, sowie auf die Bedeutung von Tarifverträgen hingewiesen werden.

Zu den Themen wurden entsprechende Aktionen, zwischen sechs und acht an der Zahl, geplant und angeboten. So konnte sich jede Belegschaft etwas Passendes aussuchen, von „klein“ bis „groß“, von konfliktorientiert bis konfliktfrei. Die Bandbreite reichte von Button-Tragen über Verteil- und Plakataktionen bis hin zu alternativen Arbeitskampfformen wie Flashmobs oder Störungen durch provokante Einkaufsformen. Alle sollten dabei sein können. Entsprechende Aktionshandbücher lieferten Anleitungen für die verschiedenen Aktivitäten und gaben Tipps zu ihrer Durchführung. Ergänzend gab es zu jedem Thema eine inhaltliche Power-Point-Präsentation, mithilfe derer man die Belegschaft zum Beispiel auf einer Betriebsversammlung für eine Teilnahme an den Aktivitäten gewinnen konnte.

Obwohl verschiedene Aktionen angeboten wurden, waren Thema und der Zeitpunkt gleich. Im gesamten Bundesland NRW machten Betriebe Aktionen z.B. zum Thema „Soziale Kälte stoppen – Solidarität leben“ oder „Statt Boni für Manager – höhere Löhne für Beschäftigte“.

„Trotz Umbau geöffnet“ – Erfahrungen und Organisationsentwicklung durch Kampagnen

Vieles in der Kampagne ist gelungen: Eine hohe visuelle Präsenz des ver.di Fachbereichs Handel in den Betrieben, eine Weiterentwicklung der  Verteilerstrukturen, eine verbesserte Arbeitsorganisation und eine breite Qualifizierung im Bereich Organizing. Zunehmend erleben wir mehr Mobilisierungskampagnen bzw. längerfristige Vorbereitungen von Tarifrunden auch in anderen Fachbereichen.

Das Hauptziel jedoch, die durchgängige und nachhaltige Stärkung der Streikfähigkeit, konnte nicht im gewünschten Umfang erreicht werden. Die Kampagnentreibenden mussten feststellen, dass im Verlauf der Kampagne unterschiedlichste, nicht kalkulierbare Rahmenbedingungen auf die Kampagne einwirkten. Hierzu gehörten z.B. die Unternehmenskrisen bei Hertie, Wehmeyer, Karstadt, Quelle, Schlecker und anderen, die sich negativ auf die gesamte Branche auswirkten. Anders die internen Einflüsse und Hemmnisse innerhalb der Organisation. Hier hat sich die MoKa als „zentrales Lernprojekt erwiesen“, so Lieselotte Hinz, vormalige ver.di-Fachbereichsleiterin Handel NRW. Sie hat neue und erweiterte Handlungsoptionen für betriebliche und tarifliche Konflikte eröffnet und z.B. „Flaschenhälse“ in den Kommunikationswegen produktiv bearbeitet.

Erfahrungen wie sie in dieser und vielen anderen Mobilisierungskampagnen gemacht wurden, sind eingeflossen in das Handbuch „Stärker werden“ der Abteilung Mitgliederentwicklung (ME) von ver.di. Tarifrunden sind gewerkschaftliches Kerngeschäft und die strategische Vorbereitung auf Tarifrunden wird immer wichtiger. Mobilisierungskampagnen helfen dabei.